Gestaltung ist praktizierte Theorie, reflektierte Praxis wird Theorie

Theorie meint in unserem Verständnis nicht das Andere der Praxis, nicht ihr Gegenteil. Theoretisches Arbeiten ist notwendiger Bestandteil einer jeden Praxis. Kreatives Arbeiten ist nicht möglich ohne ein Nachdenken über Ziele und die unterschiedlichen Möglichkeiten, dorthin zu gelangen. Denn was nützt ein Kompass ohne ein Ziel zu haben, das es zu erreichen gilt?

Umgekehrt manifestiert jede gestalterische Handlung bereits bestimmte Weltbilder, Überzeugungen, Vorannahmen. Ändert sich meine Perspektive, so ändert sich auch mein Entwerfen: Manchmal löst eine kleine Verschiebung des Blickwinkels ganz leicht vertrackte Probleme.

Design ist in unserem Verständnis deshalb immer eine Erweiterung der Welt: Eine gelungene Gestaltung fügt der Wirklichkeit einen neuen Blickwinkel, eine neue Möglichkeit, eine neue Handlungsoption hinzu. Gelungene Gestaltung macht Wege gangbar, die vorher versperrt oder gar nicht sichtbar waren. Schon der kleinste Entwurf ist immer auch ein Weltentwurf.

 

Design profitiert von seiner Selbstvergewisserung: Nur wer weiß, was er tut, kann gut darin werden

Die folgenden Stichpunkte umschreiben den Anspruch des Theorieangebots in der Abteilung Design und Medien:

  • Selbstdarstellung schulen: Wir schulen die Beherrschung argumentativer Formulierungen in gesprochenem und geschriebenem Wort.
  • Selbstkritik üben: Textkenntnis und Textverständnis, „produktives Lesen“ als Teil des Designprozesses gehört zum Kern unseres Angebots. Wir trainieren analytische Fähigkeiten, mit deren Hilfe das eigene gestalterische Tun eingeordnet und bewertet werden kann.
  • Selbstverständnis entwickeln: Wir vermitteln Methoden der Strukturierung und kreativitätsfördernde Techniken als Mittel einer projektiven, vorausschauenden Entwurfsplanung. Dies bestärkt ein seiner selbst bewusstes Gestalten.
  • Selbstverortung betreiben: Wir bieten mit der historischen und interkulturellen Wissensvermittlung Voraussetzungen, sich selbständig in einem dynamischen Markt zu orientieren.
  • Selbstständigkeit ermöglichen: Es geht uns um die Übersetzung von Theoriekonzeptionen in konkrete Problemlösungen. Die Anwendung von theoretischen Methoden und Erkenntnissen in Produktionsstrategien und Entwurfspraktiken wird geübt.


Vier Stufen der Kompetenzpyramide im Theorieangebot

In einer Kompetenzpyramide bauen die Theorieangebote stufenweise aufeinander auf.

Stufe 1: Im ersten und zweiten Semester werden die historischen und wissenschaftlichen Grundlagen der Designtheorie für alle Bachelorstudiengänge gemeinsam unterrichtet.

Stufen 2 und 3: Darauf bauen in den folgenden Studienabschnitten die Theoriemodule I und II als interdisziplinäre Wahlpflichtkurse auf. Hier können wesentliche und aktuelle Diskurse aus Designtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften, der Medien- und Bildtheorie, der Soziologie oder der Ästhetik mit der eigenen Entwurfsarbeit in Verbindung gesetzt werden. Zusätzlich werden in den einzelnen Studiengängen spezialisierte Fachtheorien angeboten.

Stufe 4: Der einjährige Masterstudiengang „Design und Medien“ bietet als vierte Stufe eine Vertiefung des in Hannover angestrebten Profils des kompetenten und reflektierten Designers.


Inhalte und Methoden

Die Geschichte der Formgebung in den Bildmedien (von Grafik und Malerei über Fotografie zu den digitalen Verfahren) sowie der Interaktion von Schrift und Bild, die Kunst- und Architekturgeschichte, die Geschichte des Produktdesigns sowie Mode- und Kostümgeschichte, die Geschichte der Gestaltung von Räumen in privaten, öffentlichen, theatralen oder performativen Kontexten, all dies ist eine unverzichtbare Grundlage, um die in diesen Formen liegenden Bedeutungen zu erkennen. Um seiner eigenen gestalterischen Tätigkeit Sinn zu geben, muss man die Geschichte kennen und wissen, wie man sie sich erschließt.

In diese Historie gehören etwa die verschiedenen Stilrichtungen in ihrem Austausch zwischen herrschendem Mainstream und dem Potential der Straße, die Geschichte der technischen Medien der Gestaltung, aber auch eine Geschichte der Kreativitätsvorstellungen zwischen göttlicher Inspiration und funktionaler Ingenieurskunst.

Die Studierenden werden über die Beobachtung und Analyse von schöpferischen Prozessen und Strategien befähigt, die in den Studiengängen erlernten Techniken bewusst und zielgerichtet einzusetzen. Komplexe Bedeutungsgehalte in Formsprache, Materialikonografie, Farbpsychologie oder Medialität können mit diesem Wissen planvoll eingesetzt werden.

Ein ausgebildetes Bildwissen und Kenntnis der aktuell geführten Diskurse verschaffen eine starke Ausgangsposition. Die Studierenden werden in die Lage versetzt, ein eigenes Selbstverständnis als Gestalterin oder Gestalter zu erstellen und darüber Selbstbewusstsein zu entwickeln.

Unverzichtbare „soft skills“ wie Kommunikationskompetenz und Teamfähigkeit, Meinungsstärke bei gleichzeitiger Kompromissbereitschaft, Souveränität in der Kritikfähigkeit werden vorgelebt, formuliert und eingeübt.

Über Kurse in Projektmanagement und Marketing, Präsentationsformen und juristische Aspekte werden die Studierenden auf konkrete Probleme kreativer Arbeit vorbereitet.


Vorbereitung auf dynamische Berufsfelder

Für die angehenden Gestalter, Designer und Formgeber sämtlicher in der Abteilung DM angebotenen Studiengänge gilt gleichermaßen, dass sie sich in einem hochdynamischen Berufsfeld wiederfinden werden, das ständigen Veränderungen unterworfen sein wird. Es existieren viele Faktoren, die in Zukunft auch den Gestalterinnen und Gestaltern unserer Hochschule hohe Flexibilität abverlangen werden.

Um nur einige zu nennen: die nach wie vor in voller Fahrt befindliche digitale Revolution, die im Wachstum begriffene Globalisierung der Märkte und daraus erwachsende neue Konkurrenzsituationen, die durch internationale Mobilität und europäische Einigung entstehende Wandlung von Traditionen und Werten – etwa von verbindlichen Modellen für Geschlechterrollen oder Maßstäben für „guten Geschmack“ –, das durch ökologische Probleme erzwungene Nachdenken über Nachhaltigkeit, Abfallvermeidung oder Energieeffizienz, humanitäre und ethische Fragen von Abhängigkeiten und Ausbeutung in Produktionsketten und weitere mehr.

Es ist nicht zuletzt Aufgabe der Designtheorie, die Studierenden für diese komplexen Belange zu sensibilisieren.


Leitlinien des Theorieangebots

Für das an der Hochschule Hannover angestrebte Kompetenzprofil bedeutet dies, dass bei allen Studierenden möglichst ein Bewusstsein über folgende Facetten des Designprozesses existieren soll:

  • Design gestaltet nicht nur Produkte, Oberflächen oder Dinge, sondern löst Handlungsweisen, Situationen und Prozesse bei den Nutzern aus. Design kann den Nutzern Optionen eröffnen – aber auch Möglichkeiten verschließen.
  • Anschluss- und Innovationsfähigkeit, Flexibilität und Lernkompetenz sind nicht nur Teil der Ausbildung, sondern Teil des Berufsbildes.
  • Das Denken in Prozessen, performativen Gefügen, Netzwerken und Systemzusammenhängen ist integrales Moment jeder Gestaltung.
  • Gutes Design verlangt vom Designer stete Selbstvergewisserung, individuelle Identitätsfindung und Bewusstsein der sozialen Verantwortung von Gestaltung.
  • Die Rezeption und aktive Teilnahme an Designdiskursen hilft, eigene Ziele zu definieren und die eigene Arbeit zu kontextualisieren und zu bewerten.